DIE SCHULE IN DER NACHKRIEGSZEIT

1945 BIS 1965

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945 war an Wiederaufnahme des Schulbetriebs kaum zu denken. Im Vordergrund standen existentielle Nöte der Bevölkerung. Es herrschte Mangel an allem: Lebensmitteln, Wohnraum, Kleidung Brennmaterial und neben allem anderen auch an Schreibpapier. Etliche Lehrer waren im Krieg gefallen oder in Kriegsgefangenschaft. Die Militärregierungen verwalteten in ihren jeweiligen Besatzungszonen nicht nur den Alltag, sondern setzten auch Bedingungen für den Bildungsbereich, so auch in der britischen Zone, zu der Siegen damals gehörte. Die deutsche Gesellschaft sollte von allen Einflüssen des Nationalsozialismus befreit werden. In der Folge wurden Lehrer vom „Unterausschuss für Entnazifizierung für höhere Schulen“ als „untragbar“ aus dem Schuldienst entlassen, so auch der Schulleiter, Dr. Reinhard Becker, wegen seiner NSDAP Mitgliedschaft. Ein Streit um dessen Wiederanstellung belastete die Schule jahrelang. In einem langwierigen Verfahren gelang es Dr. Becker zwar als „Mitläufer“ und später sogar als „unbelastet“ eingestuft zu werden. Wiederholte Versuche, an seiner ehemaligen Schule wieder angestellt zu werden, blieben aber erfolglos. Der Schulverbandsausschuss unterstützte ihn zwar nach anfänglichem Zögern, Bedenken formulierten aber die Kirchengemeinden Weidenau und Klafeld-Geisweid sowie das Schulkollegium in Münster. Lehrer und Schüler sprachen sich gegen eine Wiederanstellung aus. Nach Zwischenstationen in Altena und Brilon fand Dr. Becker eine Planstelle in Bünde, für ihn ein „Verbannungsort“, da er seine Nichtanstellung in Weidenau als „schweres Unrecht“ ansah. Kein Einzelfall, wie die Geschichte der Entnazifizierung zeigt.
Am 28. Januar 1946 konnte der Unterricht in engen Grenzen wieder aufgenommen werden. Dr. Kuno Behner leitete die Schule zunächst kommissarisch und wurde dann 1948 Oberstudiendirektor. 349 Schülerinnen und Schüler wurden in 7 Klassen von 5 Lehrern unterrichtet. Ostern 1946 waren es schon 499 in 10 Klassen, von 6 Lehrern betreut. In den sogenannten nicht wissenschaftlichen Fächern, wie Kunst, Sport, Handarbeiten und Gartenarbeit, konnte sofort und ohne Auflage begonnen werden. Im Fach Religion durfte mit Bibel, Gebetbuch und Gesangbuch bzw. Katechismus gearbeitet werden. Anders in den wissenschaftlichen Fächern. Denn die Benutzung der in der NS-Zeit aufgelegten Schulbücher war verboten. In den Fächern Erdkunde, Musik, Biologie, Geschichte und Leibesübungen fiel der Unterricht noch bis zum Herbst 1946 ganz aus, im Fach Deutsch auch für die Klassen 5, 6, 7 und 8. Im Schuljahr 1947/48 waren schon 16 Lehrer beschäftigt. Von den 194 Anmeldungen für die Eingangsklassen konnten nur 110 aufgenommen werden. Zwischenzeitlich musste der Unterricht aufgrund von Kohlenmangel ganz eingestellt werden. Hinzu kam: Die Schüler mussten regelmäßig Kartoffelkäfer suchen, weil die überlebenswichtige Kartoffelernte durch die Käferplage massiv gefährdet war, vor allem im Krisenjahr 1947. Neben dem Steineputzen wurde die immer schon praktizierte Altstoffsammlung – Eisen, Lumpen, Altpapier u.a. – in der Trümmerlandschaft besonders wichtig, Schulspeisungen boten bis 1951 dabei eine gewisse Entschärfung der Situation: täglich war eine warme Suppe für jeden Schüler garantiert.

Schule Die Schule in der Nachkriegszeit – 1945 bis 1965 lehrerkollegium 1950

Schule Die Schule in der Nachkriegszeit – 1945 bis 1965 dr kuno behner
Das Lehrerkollegium im Jahr 1950

und

Dr. Kuno Behner, Schulleiter 1946 bis 1961

Ein besonderes Problem bildeten die beiden Förderlehrgänge. Kriegsbedingt kamen die Teilnehmer aus verschiedenen Schulen, nicht älter als 23 Jahre alt. Als Soldaten, Luftwaffenhelfer, Offiziere hatten sie ihre Schulausbildung nicht beenden können. „Reifevermerk“ (Abitur RH) oder „Vorsemestervermerk“ aus der Zeit des Krieges reichten für die Aufnahme eines Studiums nicht aus. So wurden unter schulisch sehr beschränkten Bedingungen die ersten drei Reifeprüfungen schon im Frühjahr abgelegt, die übrigen im Herbst des Jahres 1946.

1950 waren die Wiederaufbauarbeiten am Nordflügel des Schulgebäudes abgeschlossen, 10 Klassenräume standen nun für 575 Schüler zur Verfügung. Das bedeutete weiterhin Klassenunterricht auch in Fachräumen. Nachmittagsunterricht war aber nicht mehr erforderlich. Weil seit 1946 Jahr für Jahr zwei Eingangsklassen aufgenommen wurden, konnte die Schule ab 1954 zweizügig geführt werden, ab 1958/59 sogar dreizügig.

Die innere Entwicklung der Schule zielte auf eine „demokratische Entwicklung“ der Jugend. Sie sollte ihrem eigenen Verstand wieder mehr vertrauen als dem blinden Glauben und der hohlen Phrase. „Sie muss erzogen werden zur politischen Reife und zur Achtung vor der Anschauung der anderen“, so die Erlasslage im Juni 1946. Bereits 1946/47 wurde eine Schülerselbstverwaltung, Vorläufer der heutigen SV, eingeführt. Erst 1958 wurde die heute noch existierende Schülerzeitung »strebergarten« gegründet und konnte sich bei landesweit ausgeschriebenen Wettbewerben gut platzieren, 1985 sogar als beste unter 100 teilnehmenden Schülerzeitungen in der Bundesrepublik.

Eine Beschäftigung mit der eben zu Ende gegangenen Zeit des Nationalsozialismus war verboten. Vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges wurde eine bewusste Abgrenzung gegenüber dem Sowjetkommunismus betrieben, u.a. durch Verbot von Briefpartnerschaften mit Schülern aus der Sowjetischen Besatzungszone. Stattdessen wurde 1948 in einer Feierstunde an die Revolution von 1848 mit ihren Idealen vom Nationalstaat und demokratischen Freiheiten erinnert. Generell sollte das Gymnasium als Ort höherer Bildung durch einen neuhumanistischen Bildungsbegriff geprägt werden. Ein Gymnasiast sollte orientiert sein an humanistischen Leitbildern der Antike, des Christentums und der deutschen Klassik. Behördlicherseits empfohlen, veranstaltete die Schule dem gemäß 1949 eine Gedenkfeier zum 200. Geburtstag des Inbegriffs der deutschen Klassik, Johann Wolfgang von Goethe. In der vollbesetzten Bismarckhalle traten dazu Chor, Orchester und Theatergruppen auf.

Der musisch künstlerische Bereich gestaltete Feiern zum „Tage der Hausmusik“, Schulfeste mit Aufführungen von Jugendopern und Gedenkstunden zu Ehren des großen musikalischen Vorbilds Johann Sebastian Bach aus dem 18. Jahrhundert. Zu Weihnachten wurden die großen Flurfenster mit aktualisierenden Weihnachtsmotiven auf farbigem Transparentpapier ausgestaltet. Herausragende Kunstarbeiten wurden an Elternsprechtagen ausgestellt.

Am 22. September 1948 erhielt die bisherige „Oberschule für Jungen“ den neuen Namen „Fürst-Johann-Moritz- Schule“: Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-1679) sollte als Vorbild in seiner Liebe zu Kunst, Wissenschaft, Toleranz und Weltoffenheit dienen. Seine im 17. Jahrhundert fortschrittlichen politischen Vorstellungen sollten durch die Namensgebung gewürdigt werden. Nicht ganz unumstritten. Die Westfälische Rundschau sah in dem Fürsten mehr einen „Liebling des Mars [des Krieges R.H.] als des Apoll [der Künste R.H.]“ und bezweifelte, ob der Fürst als unbedingt notwendiges Vorbild gerade für die heutige Jugend anzusprechen sei und die „vordringlichsten Aufgaben für die Zukunft offenbaren“ könne. Nachzulesen in der Ausgabe vom 25.03.1948.

1949 wurden die Oberschulen in die Schulform Gymnasium umgewandelt. So wurde aus der Fürst Johann-Moritz Schule das Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium mit der Bezeichnung „mathematisch naturwissenschaftliches Gymnasium“. Ab Klasse 9 konnten die Schüler, darunter die meisten Mädchen, den neusprachlichen Zweig mit Französisch als dritter Fremdsprache wählen. Im Schuljahr 1957/58 wurde neben der bestehenden Anfangssprache Latein auch Englisch als Anfangssprache angeboten. Der beginnende wirtschaftliche Aufschwung in Folge von Währungsreform 1948 und Gündung der Bundesrepublik 1949 spiegelte sich in einer allgemeinen Aufbruchstimmung und optimistischen Grundstimmung in der Schule, wie in einer Abiturrede 1950 zum Ausdruck kam. Nach Angaben der Statistikforschung besuchten in diesem Zeitraum ca. 15 Prozent eines Jahrgangs ein Gymnasium. Dr. Behner ging 1951 in den Ruhestand. Sein Verdienst war es, in den desolaten Zuständen der unmittelbaren Nachkriegsjahre die Schule wieder aufgebaut und gefestigt zu haben. In der Übergangszeit leitete Studienrat Hermann Meyer die Schule. Meyer war im Oktober 1937 von den Nationalsozialisten aufgrund der Nürnberger Rassengesetze aus dem Beamtenverhältnis entlassen worden, weil er sich von seiner jüdischen Frau nicht trennen wollte. Sein Sohn hatte die Schule im Juni 1943 verlassen müssen. Bei der Suche nach einem Nachfolger Dr. Behners wurde sein Vorgänger, Dr. Becker, noch einmal in Erwägung gezogen. Am 01.11.1952 übernahm aber der aus Ostpreußen stammende Oberstudiendirektor Dr. Hugo Novak die Leitung der Schule.

Schule Die Schule in der Nachkriegszeit – 1945 bis 1965 blick auf die schule vom noechel

Schule Die Schule in der Nachkriegszeit – 1945 bis 1965 dr hugo novak
Blick auf die Schule vom Nöchel zwischen 1951 und 1954

und

Dr. Hugo Novak, Schulleiter 1952 bis 1965

Neben der Leistungsorientierung war die Pflege des nationalen Gedankens für Dr. Novak ein besonderes Anliegen, passend zu einer Zeit der Teilung Deutschlands, als Vertriebene aus Schlesien und anderen „Ostgebieten“ die Politik der alten Bundesrepublik Deutschland prägten. In dieser Anfangszeit des Kalten Krieges war Dr. Novak Vorsitzender der „Landes“ – und später auch der „Bundesarbeitsgemeinschaft für deutsche Ostkunde im Unterricht“. Als solcher sorgte er im Schulunterricht für eine intensive Beschäftigung mit ostdeutschen und osteuropäischen Fragen. Dazu gehörten Organisation von Tagungen, Ausstellungen und Vorträge. Laut Schuljahresbericht 1957/58 betrachtete das Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium dies „als deutsche und europäische Verpflichtung.“ Nach einer Empfehlung der Landeskultusminister sollte der ostkundliche Unterricht Fehleinschätzungen und Vorurteile gegenüber den osteuropäischen Staaten abbauen, ein Ziel, das in der damaligen Öffentlichkeit kritisch diskutiert wurde.
In diesen Zusammenhang gehört auch das in den fünfziger Jahren starke Engagement der Schule für deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion sowie für Flüchtlinge aus bzw. Familien in der „sowjetisch besetzten Zone“, die von der damaligen Regierung der Bundesrepublik im Blick auf die mögliche Wiedervereinigung Deutschlands nicht als DDR anerkannt wurde. Hunderte von Päckchen mit Spenden von Eltern, Schülern und Lehrern sind Jahr für Jahr gepackt und verschickt worden.

Auf gleicher Linie liegt der Einsatz der Schule für die Belange des „Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge“. Dabei ging es an der Schule nicht nur um Spendensammlungen und Pflege der Kriegsgräber auf dem Haardter Friedhof. An Stelle üblicher Klassenausflüge fuhren Schüler nach Nordfrankreich und ins Elsass, um dort in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Kriegsgräber deutscher Soldaten wieder herzurichten. Der Volksbund widmet sich heute noch im Auftrag der Bundesregierung dieser Aufgabe.

Als Schulleiter legte Dr. Novak auch besonderen Wert auf Traditionsbewusstsein in der Schule. Ausdruck dessen ist u.a. die Gründung des „Vereins ehemaliger Schüler des Fürst-Johann-Moritz-Gymnasiums“, der heute nicht mehr besteht. Das erste Geschenk dieses Vereins an die Schule war eine gusseiserne Tafel zur Erinnerung an die gefallenen Lehrer und Schüler beider Weltkriege, heute im Eingangsbereich der Schule zu sehen.

Große Wertschätzung erfuhr dabei auch Fürst Johann Moritz als Namensgeber der Schule. Alljährlich am Geburtstag des Fürsten legte Dr. Novak in Gegenwart von Schülern der Oberstufe in der Fürstengruft in Siegen einen Kranz nieder, erstmalig am denkwürdigen 17. Juni 1953, dem wenig später eingerichteten „Tag der deutschen Einheit“. Ein Jahr später hielt Dr. Novak in einer Festversammlung eine viel beachtete Rede über den Fürsten anlässlich seines 350. Geburtstages.

Der Siegerländer Heimatverein stiftete der Schule 1955 die Kopie eines Gemäldes, das den Fürsten darstellt. Das Werk hängt heute im Dienstzimmer des Schulleiters. Eine Bronzebüste des Fürsten, geschaffen von dem Weidenauer Künstler Hermann Kuhmichel, ein Geschenk der Elternschaft, steht heute im Foyer.

In Dr. Novaks Amtszeit fielen angesichts der wachsenden Schülerzahl auch notwendige bauliche Erweiterungen und Modernisierungen. Die immer noch drängenden Raumprobleme wurden nachhaltig nach langen finanziellen Diskussionen gelöst. 1954 brachte das Unterstufengebäude Entlastung, bis 1965 der Oberstufentrakt und der naturwissenschaftliche Trakt mit dem Lichthof.

Hinzu kam die Gymnastikhalle. Problembereich blieben die fehlenden Sportanlagen. Alle Versuche, in der Nähe der Schule Gelände für deren Bau zu erwerben, waren in der Vergangenheit gescheitert. Trotz großer Einschränkungen hatte die Schule aber bei dem alljährlichen Giller Sportfest der höheren Schulen aus den Kreisen Siegen und Wittgenstein Anfang der 50er Jahre dreimal den ersten Platz erreicht und damit einen Ehrenpreis gewonnen. In der Folge war das Ansehen der Schule im Sport so groß, dass man für 1960 die Bannerwettkämpfe nach Weidenau holen wollte.

Die Pläne scheiterten neben den zu hohen Kosten, vor allem an den unzulänglichen Sportanlagen. Abhilfe wurde geschaffen, als ab 1961 der Deula-Platz auf dem Gelände des heutigen Siegerland-Zentrums in Weidenau für den Sportunterricht zur Verfügung stand.

1959 war das Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium die größte koeduative Schule Westfalens. Mädchen waren schon 1946 in die „Oberschule für Jungen“ aufgenommen worden, damals aber nur weil die „Oberschule für Mädchen“ in Eiserfeld kaum zu erreichen war. Wiederholt hatte es Diskussionen gegeben, die Raumnot dadurch zu lösen, keine Mädchen mehr aufzunehmen. 1960 gehörte das Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium landesweit sogar zu den ersten Schulen mit einem Aufbauzweig für Realschulabsolventen. 1964 begann eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Hochschule und Lehrerausbildung in Weidenau, zunächst mit der Angliederung eines Anstaltsseminars für die Ausbildung von Studienreferendaren Ostern 1964. Im Herbst folgte die „Pädagogische Hochschule Siegerland“, einer der Keimzellen der heutigen Universität, die im Altbau der Schule und im Direktorenwohnhaus ihr Verwaltungszentrum einrichten konnte. Am 31. März 1965 trat Dr. Novak in den Ruhestand, ein Schulleiter, der das äußere und innere Bild des Fürst-Johann-Moritz-Gymnasiums in der Öffentlichkeit nachhaltig geprägt hat. In der Übergangszeit übernahm der stellvertretende Schulleiter, der damalige Oberstudienrat Wardenbach, die Leitung der Schule.