GLEICHSCHALTUNG UND KONTINUITÄT

1933 BIS 1945

„Erhebend war es für Lehrer und Schüler, als sie am 21. März 1933 durch das Radio an den Festakten der Garnisonskirche zu Potsdam zur Eröffnung des Reichstages teilnehmen und sich am Abend dieses Tages an dem im Schulort veranstalteten Fackelzug beteiligen konnten.“ So erinnert sich Professor Hehr, der damalige Schulleiter der Oberrealschule Weidenau, an die Reaktion seiner Schule Weidenau auf die Regierungsbildung der nationalen Konzentration aus NSDAP und DNVP unter Reichskanzler Adolf Hitler, wie aus den Jahresberichten der Schule hervorgeht.

In der Konsolidierungssphase des NS-Regimes 1933 bis 1937/38 drängten die Nationalsozialisten auf die Loyalität der Lehrerschaft und der Schulen. Wie die meisten anderen Schulen ließ sich auch die Oberrealschule Weidenau widerspruchslos instrumentalisieren, obwohl zu dieser Zeit längst nicht alle Lehrkräfte der NSDAP angehörten. Von den 17 Kollegen waren nur 5 Parteigenossen. Im Unterricht vertraten die Lehrer vorwiegend christlich-humanistische Ideale oder folgten deutsch-nationalen Traditionen.

In seiner Pädagogik proklamierte Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ eine nationalsozialistische Wertehierarchie, die in krassem Gegensatz zum humanistischen Ansatz des pluralistischen Erziehungssystems der Weimarer Republik stand, orientiert an Volksgemeinschaft und völkischem Führerprinzip: »Der völkische Staat hat (…) seine gesamte Erziehungsarbeit (…) einzustellen (…) auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten (…) an der Spitze die Entwicklung des Charakters, (…) die Förderung der Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit, (…) erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung.“

Entsprechend wurde der Fächerkanon des Unterrichts in der Schule umgestaltet. Im Mittelpunkt standen die sog. deutschkundlichen Fächer Deutsch, Geschichte und Erdkunde, denen die Naturwissenschaften nachgeordnet waren. Statt zu einer betrachtenden, kritischen, wissenschaftlichen, historischen und ästhetischen Einstellung sollte zu einer wertenden, schaffensbereiten und kämpferischen Haltung erzogen werden. Geschichte sollte „vaterländisch-völkisches Bewußtsein“ vermitteln, das „Dritte Reich“ als krönende Konsequenz historischer Entwicklungen erscheinen. Der mathematisch-naturwissenschaftliche Zweig wurde in der Schule in Biologie durch das Fach Rassenkunde ergänzt. Biologie selbst galt als Unterrichtsprinzip der deutschkundlichen Fächer.

Nach Auskunft von ehemaligen Schülern stand in diesen Fächern der „arische Mensch“ im Vordergrund der Betrachtungen. Neben der volkhaften Heldendichtung erhielt Rassenkunde auch im Deutschunterricht eine zentrale Bedeutung.

Zur Durchführung des Unterrichts wurden in der deutschkundlichen Sammlung entsprechende Unterrichtsmaterialien angeschafft, z.B. »Das Hakenkreuz als Sinnbild der Geschichte«, »Das Diktat von Versailles«, »Der Werdegang des deutschen Volkes«, »Von Versailles zum Dritten Reich«, »Grenz- und Auslandsdeutschtum«, »Die Verbreitung der Juden in der Welt«. Hinzu kamen Karten und Bildmaterial zur Geschichte der Germanen, z.B. »Großgermanische Zeit«. Verschiedene nationalsozialistische Zeitschriften, z.B. »Wille und Macht« oder »Weltanschauung und Schule«, erweiterten das Angebot. In der Schülerbücherei wurden NS Wehrkundeliteratur sowie Bücher zur Kolonialfrage und Rassenkunde angeschafft.

Die Themen der jährlichen deutschen Aufsätze und freien Ausarbeitungen gaben den Schülern Gelegenheit, völkische Ideologie und Führerprinzip im Sinne einer unkritischen Rezeption gedanklich nachzuvollziehen. Angeboten wurden vorwiegend Themenstellungen zur Ausbildung völkisch-vaterländischen Bewusstseins unter den Leitbegriffen Rasse, Volksgemeinschaft, Pflicht und Treue, Führer- und Gefolgschaftsprinzip, Kameradschaft, Freundschaft, Führerschaft, völkische Weltanschauung, heldenhafte Vorbilder der deutschen Dichtung aus Mittelalter, Klassik, Romantik und Realismus.

Dazu seien einige Beispiele aufgeführt: »Das Prinzip der Selbstführung in der HJ« (1936/37), »Das Judentum bei Luther, Shakespeare, Herder, Wagner bis Adolf Hitler« (1940/41), »Die ewig deutsche Seele und ihre Erscheinungsformen in folgenden Werken der klassischen Periode Goethes Iphigenie‘, ‚Tasso‘ und ‚Hermann und Dorothea‘«, eine Jahresarbeit eines Oberprimaners 1933/34, „Wer vertritt in ‚Hermann und Dorothea‘ Gedanken des Nationalsozialismus?“ (1934/35), »Vererbungsprobleme in Storms ‚Carsten Curator‘, »Rassenprobleme in Raabes ‚Hungerpastor«, »Welche Erfahrungen habe ich während meiner Schulzeit mit den Worten ‚Und folgsam fühl ich mich am schönsten frei.‘ (Iphigenie) gemacht?«, »Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude, ich erwachte und sah, das Leben ist Pflicht. Ich tat meine Pflicht, und das Leben war Freude“, ein Mahnwort für mich« (1935/36).

Das Lehrerkollegium im Jahr 1937

Parallel dazu gestalteten sich die Reifeprüfungsthemen in Biologie und Deutsch: »Biologische Erkenntnisse als Quelle der Weltanschauung, vererbungswissenschaftliche Erkenntnisse im Dienste unseres Volkes.« »Der Untergang der Kulturvölker im Lichte der Biologie«, »Die lebensgesetzliche Begründung des Rassegedankens und seine weltanschauliche Sendung nach Hitler, Mein Kampf« (1937/38),»Die völkische Erneuerung der deutschen Jugend « (1933/34), »Wozu und wodurch kann Schiller mir ein Führer sein?, an seinem Leben und den Gestalten seiner Werke aufgezeigt«.

Öffentliche Schulfeiern wurden erlassgemäß durchgeführt, z.B. Muttertag, 1. Mai als Tag der Arbeit oder Heldengedenktag am 16. 3., 30. Januar als Erinnerung an die Berufung Hitlers zum Reichskanzler, desgleichen der Geburtstag des Führers am 20. April. Zu diesen Feiern erschien der Schulleiter, Professor Hehr, in der Hauptmannsuniform des Ersten Weltkriegs. Die Gedenkreden hielten verschiedene Kollegen, mehrfach der Schulleiter selbst, wobei schulische Traditionen aus der Zeit des Kaiserreiches, z.B. Geburtstag der Kaisers oder die Reichsgründung 1871, beliebt waren.

Hinzu kamen aktuelle nationalpolitische Feiern. Am 1. März 1934 gestaltete die Schule eine Saarfeier anlässlich des Übergangs des Saargebietes in die Verwaltungshoheit des Reiches, Professor Hehr hielt die Ansprache. Am 16. Oktober 1935 fiel der Unterricht anlässlich der Erhebung Siegens zur Garnisonsstadt aus, um den Schülern die Teilnahme an den Festlichkeiten zu ermöglichen. Einem Erlass des Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung folgend, geschah Gleiches am 16. März 1938 zugunsten einer Feier zum Anschluss Österreichs an das Reich. Andere Feiern sollten die Identifikation mit dem nationalsozialistischen Staat und seiner Ideologie fördern. Am 9. Januar 1937 fand eine Gedächtnisfeier aus Anlass des 10. Todestages von Houston Chamberlain, dem Theoretiker der Rassentheorie, statt. Feiern zu Ehren von Friedrich dem Großen, Hindenburg, Wilhelm von Oranien unterstrichen den Willen zur Stärkung des Nationalgefühls.

Ebenfalls genutzt wurden die neuen Möglichkeiten des Radios. Am 15. Januar 1935 hörte die Schule zusammen mit der im Gebäude untergebrachten landwirtschaftlichen Berufsschule eine Rede des NS Propagandaministers Goebbels. Hinzu kamen mehrfach Hitlerreden. Neben dem Radio wurde auch der Film eingesetzt. So wurde schon 1933 der Film »SA-Mann Brandt« gezeigt und in Klassenaufsätzen thematisch bearbeitet. Politisch bedeutsamer war der Film über den Nürnberger Parteitag 1933, den »Parteitag des Sieges«, mit dem bezeichnend religiösen Titel »Der Sieg des Glaubens«. Der Film dokumentiert in eindrücklicher Weise Absichten des Regimes sowie Rhetorik und die Persönlichkeit des Führers, gedreht von Leni Riefenstahl.

Ein besonderes öffentliches nationalsozialistisches Symbol war die Flaggenehrung, die z.B. ginn und zu Ende eines Tertials erlassgemäss vor der gesamten Schülerschaft durch Hissen bzw. Niederholen der Reichsflagge stattfand. Ein HJ-Führer meldete dem herannahenden Direktor die angetretene Schülerschaft. Der Schulleiter hielt dann eine kurze Rede etwa folgenden Wortlauts: »In den letzten Minuten des vergangenen Tertials gedenken wir unseres Vaterlandes und unseres Führers Adolf Hitler. Unserm Führer Adolf Hitler ein dreifaches Siegheil!« Beim Hissen und Niederholen der Fahne wurde eine Strophe des Deutschlandliedes und das Horst-Wessel-Lied, Parteihymne der NSDAP, gesungen. Die Anwesenden hoben den Arm zum Hitlergruß und nahmen die Kopfbedeckung ab.

Schule Gleichschaltung und Kontinuität – 1933 bis 1945 siegreiche bannerkampfmannschaft

Schule Gleichschaltung und Kontinuität – 1933 bis 1945 dr reinhard becker
Oben: Die siegreiche Bannerkampfmannschaft, Juli 1938 

Links: Dr. Reinhard Becker, Schulleiter 1937 bis 1945

1934 kam es zu einer erheblichen Mehrbelastung der Schüler durch die Festlegung des Samstags als «Staatsjugendtag « der HJ. Denn sie erzwang eine gedrängte Unterrichtsverteilung auf fünf Tage. Schule und HJ erteilten an den Samstagen den Schülern, die nicht dem Jungvolk der Zehn bis Vierzehnjährigen angehörten, gemeinsam Unterricht: Werk- und Sportunterricht sowie zwei Stunden nationalpolitische Belehrung. Da der Staatsjugendtag aber von Anfang an wegen der einseitigen politischen Ausrichtung durchweg nur ein geringes geistiges Niveau aufwies und wenig Anklang bei Schülern wie Ausbildern fand, wurde er 1937 wieder abgeschafft.

Um weltanschauliche Geschlossenheit und Gleichschaltung aller Erzieher- und Schularbeit zu erreichen, kam es zur Vereinheitlichung der Erziehungstypen höherer Schulen. Das breite Angebot von Schultypen der Weimarer Republik wurde auf zwei Formen reduziert. Als Hauptform wurde neben dem altsprachlichen Gymnasium die achtjährige Oberschule für Jungen und Mädchen 1937 eingerichtet. Entsprechend wurde aus der Oberrealschule die Oberschule für Jungen mit der Sprachenfolge Englisch und Latein.

Die Ernennung eines Parteimitglieds zum neuen Schulleiter in der Person Dr. Reinhard Beckers 1937 war ein weiterer Schritt in der strukturellen Anpassung der Oberrealschule Weidenau an den NS-Staat. In der Partei sah Dr. Becker für sich einen Garanten und Promotor seiner strengen preußisch deutschen Erziehungsideale von absoluter Pflichterfüllung, Disziplin, Gehorsam, Zucht und Ordnung, männlicher Stärke und Anstand, die er als Schulleiter und Sportlehrer konsequent verfolgte. Der NSDAP Kreisleiter beschwor den neuen Schulleiter nach Auskunft der Jahresberichte: „Sie haben Menschenseelen zu erziehen, die mit den Ideen der neuen Staatsform vertraut gemacht werden müssen… und als treue und aufrichtige Deutsche dem Vaterland dienen.“

Schule Gleichschaltung und Kontinuität – 1933 bis 1945 beschaedigte nordfluegel
Der beschädigte Nordflügel des Schulgebäudes 1945

An den Englischlehrer Dr. Becker, der seinen Unterricht einsprachig durchführte, erinnern sich Ehemalige mit Respekt und Anerkennung. Die Pflege der Fremdsprachen war ihm ein besonderes Anliegen, wie er bei der Einführung betont hatte: »Sie vermittle dem jungen Menschen das Eindringungsvermögen in die Denkungsart und politische Zielstrebigkeit der fremden Völker.«

Dr. Beckers innere Führung der Schule war in der Öffentlichkeit als „strenges Regiment“ bekannt. Er selbst verstand es als Fürsorge- und Schutzpflicht gegenüber der Gemeinschaft, entsprechend der nationalsozialistischen Auffassung. Bei Verstößen gegen Sitte und Anstand kam er so recht schnell zu dem Urteil „nicht tragbar für die Schule“ und setzte seine Entscheidung auch gegen Elternprotest durch. Dr. Becker übte zwar später parteiinterne Kritik an seinem anfänglichen unkritischen Idealismus gegenüber der NSDAP. Diese führte aber nicht zu einer grundsätzlich distanzierten Haltung der Partei gegenüber.

In Folge äußerer Kriegseinwirkungen geriet sein Führungsstil mehr und mehr unter Druck. Versorgungsknappheit, Kohlenmangel, Luftangriffsgefahr, Ferienverlängerung, Einberufungen von Lehrern und Schülern zum Wehrdienst führten wiederholt zu Unterrichtskürzungen oder -ausfall. Diesen zunehmenden Schwierigkeiten setzte er verstärkte Disziplinierung entgegen: Er forderte pünktlichen Beginn und straffe Führung des Unterrichts, erhöhte Sorgfalt bei schriftlichen Arbeiten in tadelloser Schrift, bei der Heilkräuter- und Altstoffsammlung der vaterländischen Pflicht eifrig nachzukommen. Ab 1943/44 wurde der Widerspruch zwischen äußerer Auflösung und Aufrechterhaltung der inneren Ordnung immer offensichtlicher.

Ende 1944 läuteten die kriegsbedingten Auflösungserscheinungen das vorläufige Ende der Oberschule für Jungen in Weidenau ein. Nach zerstörerischen Bombenangriffen wurden einige Räume in den noch intakten Gebäudeteilen für die Geschäfte des Amtes Weidenau genutzt, in anderen fanden Flüchtlinge und Ausgebombte Unterkunft.

Im Umgang mit sportlich minderbegabten Schülern geriet Dr. Becker allerdings nicht selten in Konflikt mit seinen eigenen Idealen von Disziplin und Anstand. Der Sportunterricht wurde intensiviert, die Stunden selbst paramilitärisch diszipliniert durchgeführt, in der Oberstufe Boxen, in der Mittelstufe Kampfspiele und in der Unterstufe Schwimmen. Eine dritte Sportstunde gab es bereits seit 1935 wieder: Oberschuldirektor Kolb, überzeugter Parteigenosse und Obmann der HJ, unterstützte Dr. Beckers sportliche Ambitionen. Diese wurden gekrönt durch den Bannerkampfsieg der Oberschule für Jungen in Weidenau am 21./22.07.1938 in Hamm, getragen von einer Welle öffentlicher Sympathie und Begeisterung, die sich in einer abendlichen Jubelfeier in Weidenau dokumentierte, wie aus der Lokalpresse hervorgeht. Nach Auskunft der Nationalzeitung vom 20.10.1937 betonte Dr. Becker in seiner Rede: »Das Hochziel, das es in allen höheren Schulen Deutschlands auch hier in Weidenau zu erstreben gelte, sei eine frische und frohe Jungmannschaft, die körperlich gesund und geistig geschult sei, so trefflich, daß sie jederzeit im Leben bestehe.«